Rekonvaleszenz einer Grünen Meeresschildkröte
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Citizen Science im Roten Meer – und die Do's & Don'ts beim Schwimmen mit Meeresschildkröten

Altea lebt – die Rekonvaleszenz einer Grünen Meeresschildkröte

TurtleWatch Egypt (TWE) ist eine bürgerwissenschaftliche Initiative, die seit 2011 Meeresschildkröten entlang der ägyptischen Küste des Roten Meeres überwacht. Dank Tausender Fotos und Videos, die von Tauchern, Schnorchlern und lokalen Gemeinden beigesteuert wurden, hat TWE Hunderte von einzelnen Grünen Meeresschildkröten (Chelonia mydas) und Echten Karettschildkröten (Eretmochelys imbricata) identifiziert und beobachtet und so einzigartige Einblicke in, ihr Verhalten, ihre Gesundheit und ihre Genesung nach Verletzungen gewonnen.

Häufigkeit und Ursachen von Verletzungen

In 13 Jahren hat TWE mehr als 11.000 Schildkröten gesichtet und etwa 1.000 einzelne Schildkröten identifiziert. Etwa 5 % dieser Tiere wiesen Verletzungen auf, wobei 35 % aller dokumentierten Verletzungen auf Kollisionen mit Schiffen zurückzuführen waren. Die Verletzungen reichten von leichten Abschürfungen bis hin zu schweren Panzerbrüchen, die häufig durch Kollisionen mit Motorbooten in stark frequentierten Touristengebieten verursacht wurden. Trotz der Schwere einiger Verletzungen zeigte mehr als die Hälfte der schwer verletzten Schildkröten im Laufe der Zeit eine natürliche Heilung.

ALTEA – Mehr als eine Narbe

Altea wurde erstmals im Juni 2017 in den Seegraswiesen eines der Futtergebiete der Region Marsa Alam als junge Grüne Meeresschildkröte registriert. Sie wurde regelmäßig dabei beobachtet, wie sie ruhig fraß, zum Atmen an die Oberfläche kam und sich selbstbewusst durch ihr Revier bewegte – zu diesem Zeitpunkt wies sie keine Verletzungen auf.

Am 21. April 2018 zeigte sich dann eine kreuzförmige Schnittwunde auf dem hinteren Teil ihres Panzers, die wahrscheinlich durch einen Schiffskontakt verursacht wurde. Als sie zum ersten Mal mit dieser Verletzung beobachtet wurde, war diese schwerwiegend – sie bildete fast ein Loch im Panzer. Trotzdem blieb sie am Leben und aktiv, schwamm, atmete und fraß. Während der ersten Woche der intensiven Beobachtung bewegte sie sich nur minimal, gerade so viel wie nötig, und zeigte deutliche Anzeichen von Angst, wenn sich ein Schnellboot näherte, indem sie sich verzweifelt in den Sand grub. Mit der Zeit gewann sie allmählich ihr Selbstvertrauen zurück und begann sich wieder normal zu verhalten. Das TWE-Team und Bürgerwissenschaftler dokumentierten ihr Verhalten genau:

  • sie fraß und schwamm weiterhin normal,
  • sie zeigte natürliches Verhalten,
  • sie nutzte stets dieselbe Bucht als ihren Hauptnahrungsplatz.

In den folgenden Jahren (2018–2021) verbesserte sich die Verletzung allmählich. Die Narbe blieb zunächst sichtbar, aber Alteas Allgemeinzustand stabilisierte sich. Bei späteren Sichtungen war die Verformung ihres Panzers nicht mehr erkennbar, sodass schließlich kaum noch Spuren der ursprünglichen Verletzung zu sehen waren.

Altea entwickelte sich von einem Jungtier zu einem subadulten Tier und lebte jahrelang in denselben Küstengewässern. Ihre letzten registrierten Sichtungen im Juni und Juli 2023 bestätigten ihr Überleben:

  • Erste Sichtung: Juni 2017
  • Verletzung registriert: April 2018
  • Wiederholte Beobachtungen nach der Verletzung: 2018–2023
  • Letzte bestätigte Sichtung: Juli 2023
  • Gesamtzahl der Sichtungen: 93
  • Status: Lebendig

Alteas Geschichte veranschaulicht die Widerstandsfähigkeit gegenüber menschlichen Einflüssen. Ihre Narbe ist ein Beweis für die Gefahren, denen Schildkröten durch Schiffskollisionen ausgesetzt sind, ihr Überleben zeigt die natürliche Regenerationsfähigkeit in freier Wildbahn und ihre langjährige Präsenz unterstreicht den Wert der Bürgerwissenschaft für das Verständnis individueller Lebensgeschichten.

Wissenschaftliche Erkenntnisse dank Citizen Science

Eine 2025 in Chelonian Conservation and Biology (https://doi.org/10.2744/CCB-1665.1) veröffentlichte Studie analysierte die Daten von TWE und bestätigte:

  • Schiffskollisionen sind die häufigste Ursache für Verletzungen in der Region
  • Verletzungen, selbst schwere, heilen häufig ohne Eingriff auf natürliche Weise
  • Bürgerwissenschaft kann wichtige Wissenslücken über die Häufigkeit von Verletzungen und die Genesung von wild lebenden Meeresschildkröten schließen
  • Durch kontinuierliche Überwachung können Forscher einzelne Schildkröten über Jahre hinweg verfolgen und so Daten zur Lebensgeschichte sammeln, die sonst nicht zu erhalten wären

Alteas Geschichte verwandelt Datenreihen in eine Lebensgeschichte – ein persönliches Beispiel dafür, wie langfristige Überwachung nicht nur Statistiken liefert, sondern auch ein echtes Verständnis für die Widerstandsfähigkeit, die Genesung und die anhaltenden Herausforderungen von Meeresschildkröten vermittelt.

5 Do's & Don'ts beim Schwimmen mit Meeresschildkröten

Das 5-Minuten-Video von TurtleWatch Egypt zeigt sehr anschaulich, wie Du Dich beim Tauchen, Schnorcheln oder Schwimmen gegenüber Meeresschildkröten verhalten sollst – bitte schau es Dir hier an: www.youtube.com/watch?v=FYbw0Es9_og&t=49s

Abschließend haben wir die fünf wichtigsten Regeln, die Du unbedingt einhalten solltest kurz und knapp zusammengefasst:

  1. Schwimme langsam, ohne hektische Bewegungen 
  2. Nähere Dich nur von der Seite oder von hinten und halte mindestens 4 Meter Abstand
  3. Schildkröten müssen zum Atmen auftauchen – behindere sie nicht dabei
  4. Berührungen sind unbedingt zu unterlassen
  5. Jage niemals eine Schildkröte